Akte 03 · Yale · 1665

Das Voynich-Manuskript

Das Buch, das seit 600 Jahren niemand lesen kann

Verschollene Mythen 23. Mai 2026 ~10 Min

Das Mysterium

Es gibt ein Buch in Yale, das seit über 600 Jahren niemand entziffert hat. Nicht der Kaiser, der ein Vermögen in Gold dafür zahlte. Nicht der klügste Mann Europas, an den es 1665 verschickt wurde. Nicht die besten Codeknacker des Zweiten Weltkriegs. Nicht moderne künstliche Intelligenz, die fünf widersprüchliche Lösungen lieferte. 240 Seiten. Eine Schrift, die in keiner Sprache der Welt existiert. Pflanzen, die nirgendwo wachsen. Sternkarten ohne Himmel. Und das Unheimlichste daran sind nicht die Symbole — es sind die Frauen in den Bädern. Sein Name: das Voynich-Manuskript. Willkommen bei Akte 03 — Mythos des Aris.

Die Geschichte

Ursprung

Ursprung

Beginnen wir mit dem, was sicher ist. Denn beim Voynich-Manuskript ist fast nichts sicher. Heute trägt es die Signatur MS 408. Es liegt in der Beinecke-Bibliothek der Universität Yale, klimatisiert, in einem Tresor. Es ist klein — etwa 23 mal 16 Zentimeter, kleiner als ein normales Buch. 240 Seiten aus Kalbspergament sind erhalten. Mindestens 14 Seiten fehlen — sie wurden irgendwann herausgetrennt. 2009 entnahm die Universität Arizona vier winzige Pergamentproben und datierte sie mit der Radiokarbonmethode. Das Ergebnis ist eindeutig: Das Tierhaut-Pergament stammt aus der Zeit zwischen 1404 und 1438. Frühes 15. Jahrhundert. Die Tinte ist mit dem Pergament chemisch konsistent — keine spätere Fälschung auf altem Material. Das Buch ist also echt, und es ist sechshundert Jahre alt. Es ist von Hand geschrieben, durchgehend, in einem flüssigen, geübten Duktus. Wer auch immer das schrieb, zögerte nicht. Er korrigierte fast nie. Er schrieb, als läse er etwas ab, das er bereits kannte. Nur: Niemand weiß, was er da abschrieb.

Was geschah

Schlägt man das Manuskript auf, wird es seltsam. Sehr seltsam. Forscher teilen es in sechs Abschnitte, nach dem, was die Bilder zeigen. Der erste und größte Teil ist botanisch. Über hundert ganzseitige Pflanzenzeichnungen, koloriert in Grün, Blau, Ocker. Wurzeln, Blätter, Blüten. Das Problem: Keine einzige dieser Pflanzen lässt sich zweifelsfrei einer realen Art zuordnen. Manche wirken zusammengesetzt — die Wurzel der einen Pflanze, die Blüte einer anderen. Pflanzen, die es nicht gibt. Dann ein astronomischer Teil. Kreisdiagramme, Sterne, die zwölf Tierkreiszeichen — aber an den falschen Stellen, mit Symbolen, die zu keinem bekannten astrologischen System passen. Dann der unheimlichste Teil. Der balneologische. Dutzende winziger nackter Frauen, stehend in grünen Becken, in Wannen, in Röhren. Verbunden durch ein Geflecht von Leitungen, das an Adern erinnert, oder an Klempnerarbeit, oder an etwas, für das wir kein Wort haben. Niemand weiß, was diese Szenen darstellen sollen. Und über allem: diese Schrift. Etwa 170.000 Zeichen. Rund 25 bis 30 wiederkehrende Symbole, die wie ein echtes Alphabet wirken. Geschrieben von links nach rechts. In Wörtern, mit Abständen, mit Absätzen. Es sieht aus wie Sprache. Es verhält sich teilweise wie Sprache. Aber es ist keine bekannte Sprache der Welt.

Wendepunkt

Wendepunkt

Wie weit lässt sich seine Spur zurückverfolgen? Bis zum Sommer 1665. Prag. Ein Hofarzt namens Johannes Marcus Marci sitzt an seinem Schreibtisch und schreibt einen verzweifelten Brief. Er ist alt. Er weiß, dass er das Rätsel, das vor ihm liegt, nicht mehr lösen wird. Also packt er ein Buch in grobes Leinen — ein Buch, dessen Symbole er nie entziffern konnte — und schickt es nach Rom. An Athanasius Kircher, einen Jesuiten und Universalgelehrten, der als der klügste Mann des Kontinents galt. In dem Brief, der bis heute erhalten ist, schreibt Marci etwas Bemerkenswertes. Er behauptet, das Buch sei einst für 600 Golddukaten gekauft worden — ein Vermögen. Und der Käufer sei kein Geringerer gewesen als Rudolf der Zweite, der Habsburger Kaiser, der in Prag von Alchemie, Astrologie und dem Verborgenen besessen war. Marci schreibt außerdem, ein früherer Besitzer habe geglaubt, der Autor sei Roger Bacon gewesen — ein englischer Mönch und Universalgelehrter des 13. Jahrhunderts. Marci selbst schreibt vorsichtig, er halte das nur für möglich, nicht für sicher. Und dann passiert nichts. Kircher, der klügste Mann Europas, der Brieffreund halb des Kontinents — er antwortet, soweit bekannt, nie öffentlich auf das Rätsel. Das Buch verschwindet in den Jesuiten-Archiven. Für rund 250 Jahre. Stille.

Drei Theorien

1. Drei große Theorien ringen bis heute um die Wahrheit

Was dafür spricht

  • Theorie eins: Es ist eine echte Chiffre
  • Irgendwo unter den 25 Symbolen verbirgt sich eine reale Sprache — Latein, eine frühe romanische Mundart, vielleicht Hebräisch — verschlüsselt durch ein Verfahren, das wir noch nicht durchschaut haben

Was dagegen spricht

  • 2018 ließ ein Forschungsteam in Kanada künstliche Intelligenz über den Text laufen
  • Das System schlug vor, die Grundsprache sei Hebräisch, durch Buchstaben-Umstellung verschleiert

2. Theorie zwei

Was dafür spricht

  • Eine prominente Lesart besagt, das Manuskript sei ein elaborierter Schwindel
  • Sinnloses Kauderwelsch, kunstvoll erzeugt, um wie eine Geheimsprache auszusehen — vielleicht, um es einem reichen Sammler wie Kaiser Rudolf für 600 Golddukaten anzudrehen

Was dagegen spricht

  • Ein Wissenschaftler zeigte, dass man mit einer einfachen Schablonentechnik des 16
  • Jahrhunderts in kurzer Zeit Text erzeugen kann, der genau diese sprachähnlichen Muster aufweist

3. Theorie drei

Theorie drei

Was dafür spricht

  • Vielleicht ist es kein Code, der gebrochen werden will
  • Vielleicht ist es ein in sich geschlossenes System, geschaffen von einer einzigen Person oder einem kleinen Kreis, das nur für die Eingeweihten lesbar war — und die sind seit sechshundert Jahren tot

Was dagegen spricht

  • Manche sehen darin ein medizinisches oder alchemistisches Handbuch in einer privaten Symbolsprache
  • Die Pflanzen wären dann verschlüsselte Rezepturen

Moderne Spuren

Spuren

Wo Aris recherchiert hat — und wo du selbst weiterlesen kannst.

Eine neue Akte. Jeden Samstag. 19 Uhr.

Kanal abonnieren

← Zurück zum Archiv