Es gibt ein Buch in Yale, das seit über 600 Jahren niemand entziffert hat. Nicht der Kaiser, der ein Vermögen in Gold dafür zahlte. Nicht der klügste Mann Europas, an den es 1665 verschickt wurde. Nicht die besten Codeknacker des Zweiten Weltkriegs. Nicht moderne künstliche Intelligenz, die fünf widersprüchliche Lösungen lieferte. 240 Seiten. Eine Schrift, die in keiner Sprache der Welt existiert. Pflanzen, die nirgendwo wachsen. Sternkarten ohne Himmel. Und das Unheimlichste daran sind nicht die Symbole — es sind die Frauen in den Bädern. Sein Name: das Voynich-Manuskript. Willkommen bei Akte 03 — Mythos des Aris.
Die Geschichte
Ursprung
Beginnen wir mit dem, was sicher ist. Denn beim Voynich-Manuskript ist fast nichts sicher. Heute trägt es die Signatur MS 408. Es liegt in der Beinecke-Bibliothek der Universität Yale, klimatisiert, in einem Tresor. Es ist klein — etwa 23 mal 16 Zentimeter, kleiner als ein normales Buch. 240 Seiten aus Kalbspergament sind erhalten. Mindestens 14 Seiten fehlen — sie wurden irgendwann herausgetrennt. 2009 entnahm die Universität Arizona vier winzige Pergamentproben und datierte sie mit der Radiokarbonmethode. Das Ergebnis ist eindeutig: Das Tierhaut-Pergament stammt aus der Zeit zwischen 1404 und 1438. Frühes 15. Jahrhundert. Die Tinte ist mit dem Pergament chemisch konsistent — keine spätere Fälschung auf altem Material. Das Buch ist also echt, und es ist sechshundert Jahre alt. Es ist von Hand geschrieben, durchgehend, in einem flüssigen, geübten Duktus. Wer auch immer das schrieb, zögerte nicht. Er korrigierte fast nie. Er schrieb, als läse er etwas ab, das er bereits kannte. Nur: Niemand weiß, was er da abschrieb.
Was geschah
Schlägt man das Manuskript auf, wird es seltsam. Sehr seltsam. Forscher teilen es in sechs Abschnitte, nach dem, was die Bilder zeigen. Der erste und größte Teil ist botanisch. Über hundert ganzseitige Pflanzenzeichnungen, koloriert in Grün, Blau, Ocker. Wurzeln, Blätter, Blüten. Das Problem: Keine einzige dieser Pflanzen lässt sich zweifelsfrei einer realen Art zuordnen. Manche wirken zusammengesetzt — die Wurzel der einen Pflanze, die Blüte einer anderen. Pflanzen, die es nicht gibt. Dann ein astronomischer Teil. Kreisdiagramme, Sterne, die zwölf Tierkreiszeichen — aber an den falschen Stellen, mit Symbolen, die zu keinem bekannten astrologischen System passen. Dann der unheimlichste Teil. Der balneologische. Dutzende winziger nackter Frauen, stehend in grünen Becken, in Wannen, in Röhren. Verbunden durch ein Geflecht von Leitungen, das an Adern erinnert, oder an Klempnerarbeit, oder an etwas, für das wir kein Wort haben. Niemand weiß, was diese Szenen darstellen sollen. Und über allem: diese Schrift. Etwa 170.000 Zeichen. Rund 25 bis 30 wiederkehrende Symbole, die wie ein echtes Alphabet wirken. Geschrieben von links nach rechts. In Wörtern, mit Abständen, mit Absätzen. Es sieht aus wie Sprache. Es verhält sich teilweise wie Sprache. Aber es ist keine bekannte Sprache der Welt.
Wendepunkt
Wie weit lässt sich seine Spur zurückverfolgen? Bis zum Sommer 1665. Prag. Ein Hofarzt namens Johannes Marcus Marci sitzt an seinem Schreibtisch und schreibt einen verzweifelten Brief. Er ist alt. Er weiß, dass er das Rätsel, das vor ihm liegt, nicht mehr lösen wird. Also packt er ein Buch in grobes Leinen — ein Buch, dessen Symbole er nie entziffern konnte — und schickt es nach Rom. An Athanasius Kircher, einen Jesuiten und Universalgelehrten, der als der klügste Mann des Kontinents galt. In dem Brief, der bis heute erhalten ist, schreibt Marci etwas Bemerkenswertes. Er behauptet, das Buch sei einst für 600 Golddukaten gekauft worden — ein Vermögen. Und der Käufer sei kein Geringerer gewesen als Rudolf der Zweite, der Habsburger Kaiser, der in Prag von Alchemie, Astrologie und dem Verborgenen besessen war. Marci schreibt außerdem, ein früherer Besitzer habe geglaubt, der Autor sei Roger Bacon gewesen — ein englischer Mönch und Universalgelehrter des 13. Jahrhunderts. Marci selbst schreibt vorsichtig, er halte das nur für möglich, nicht für sicher. Und dann passiert nichts. Kircher, der klügste Mann Europas, der Brieffreund halb des Kontinents — er antwortet, soweit bekannt, nie öffentlich auf das Rätsel. Das Buch verschwindet in den Jesuiten-Archiven. Für rund 250 Jahre. Stille.
Drei Theorien
1. Drei große Theorien ringen bis heute um die Wahrheit
Was dafür spricht
Theorie eins: Es ist eine echte Chiffre
Irgendwo unter den 25 Symbolen verbirgt sich eine reale Sprache — Latein, eine frühe romanische Mundart, vielleicht Hebräisch — verschlüsselt durch ein Verfahren, das wir noch nicht durchschaut haben
Was dagegen spricht
2018 ließ ein Forschungsteam in Kanada künstliche Intelligenz über den Text laufen
Das System schlug vor, die Grundsprache sei Hebräisch, durch Buchstaben-Umstellung verschleiert
2. Theorie zwei
Was dafür spricht
Eine prominente Lesart besagt, das Manuskript sei ein elaborierter Schwindel
Sinnloses Kauderwelsch, kunstvoll erzeugt, um wie eine Geheimsprache auszusehen — vielleicht, um es einem reichen Sammler wie Kaiser Rudolf für 600 Golddukaten anzudrehen
Was dagegen spricht
Ein Wissenschaftler zeigte, dass man mit einer einfachen Schablonentechnik des 16
Jahrhunderts in kurzer Zeit Text erzeugen kann, der genau diese sprachähnlichen Muster aufweist
3. Theorie drei
Was dafür spricht
Vielleicht ist es kein Code, der gebrochen werden will
Vielleicht ist es ein in sich geschlossenes System, geschaffen von einer einzigen Person oder einem kleinen Kreis, das nur für die Eingeweihten lesbar war — und die sind seit sechshundert Jahren tot
Was dagegen spricht
Manche sehen darin ein medizinisches oder alchemistisches Handbuch in einer privaten Symbolsprache
Die Pflanzen wären dann verschlüsselte Rezepturen
Moderne Spuren
Spuren
Wo Aris recherchiert hat — und wo du selbst weiterlesen kannst.
Beinecke Rare Book & Manuscript Library, Yale University: MS 408 (Digitalisat, öffentlich)
Marci-Brief an Athanasius Kircher, 1665 (lateinisches Original, publiziert)
Universität Arizona: Radiokarbon-Datierung des Pergaments 2009 (1404–1438)
Gerard Cheshire: 'The Language and Writing System of MS408', Romance Studies (2019, fachlich umstritten)
Greg Kondrak / University of Alberta: NLP-Analyse 2018 (hebräische Hypothese, umstritten)
Lisa Fagin Davis, Medieval Academy of America: Schreiber-Hand-Analyse (mind. 5 Hände)