1993. Taos, New Mexico. Eine Kleinstadt am Rand der Sangre-de-Cristo-Berge. 4500 Einwohner. Und etwa 2 Prozent von ihnen hören etwas, das niemand sonst hört. Ein tiefes, gleichmäßiges Brummen. Tag und Nacht. In jedem Raum. In den Bergen. In geschlossenen Autos. Drei der wichtigsten Labore der USA kamen mit Mikrofonen, Spektrometern, Tieffrequenz-Sensoren. Sie maßen wochenlang. Sie fanden nichts. Und doch ist der Ton bis heute da. Warum hören 2 Prozent etwas, das keine Maschine messen kann? Das hier ist die Akte des Taos-Hums.
Die Geschichte
Ursprung
Frühjahr 1991. Taos liegt rund 2100 Meter hoch, eingebettet zwischen Wüstenebene und Hochgebirge. Eine Künstlerstadt, alte Pueblo-Kultur, dünne Luft, klare Nächte. Die ersten Berichte kommen einzeln. Ein Maler hört nachts ein Brummen wie von einem Lastwagen, der niemals losfährt. Eine Lehrerin glaubt, der Kühlschrank sei defekt — bis sie ihn vom Strom trennt. Das Brummen bleibt. Ein Geologe beschreibt es laut Berichten als „diesel idling in the distance", ein leerlaufender Diesel-Motor, irgendwo, immer. Bis Mitte 1992 sind es Dutzende. Sie treffen sich in Wohnzimmern, vergleichen Notizen. Manche hören das Brummen schon, sobald sie über den Stadtrand fahren. Andere hören es überall in Nord-Neumexiko. Die meisten Hörer sind zwischen 30 und 60 Jahre alt. Frauen häufiger als Männer. Und alle berichten dasselbe: Schlafstörungen, Druck hinter den Augen, ein Gefühl, als würde der ganze Körper mitschwingen. Im April 1993 schreibt eine Gruppe von Bürgern einen Brief an ihren Kongressabgeordneten. Sie fordern eine offizielle Untersuchung. Erstaunlicherweise bekommen sie eine.
Was geschah
Mai 1993. Der damalige Kongressabgeordnete Bill Richardson setzt eine offizielle Anfrage in Gang. Drei Institutionen werden beauftragt: die Universität von New Mexico, die Sandia National Laboratories, das Los Alamos National Laboratory. Es ist ein ungewöhnliches Aufgebot. Sandia und Los Alamos sind eigentlich für nukleare Grundlagenforschung zuständig. Dass diese Labore plötzlich ein akustisches Phänomen in einer Kleinstadt untersuchen, sorgt damals für Stirnrunzeln. Geleitet wird die Studie von Joe Mullins, einem Ingenieur der UNM. Sein Team rekrutiert 8 Hörer. Diese 8 Personen werden in Räume gesetzt, abgeschirmt, mit Kopfhörern versorgt. Verschiedene Frequenzen werden eingespielt — von 30 Hertz bis 80 Hertz. Die Hörer sollen sagen, welche Frequenz dem Brummen am nächsten kommt. Die Antworten variieren. Manche nennen 32 Hertz. Andere 56. Einige hören es als pulsierend, andere als konstant. Parallel werden in Taos Geophone in den Boden gerammt, Mikrofone in offene Felder gestellt, Magnetometer aufgebaut. Wochenlang. 1995 liegt der Abschlussbericht vor. Die Sensoren haben nichts gefunden. Kein Industrielärm. Keine seismische Quelle. Kein elektromagnetisches Signal über den Hintergrundwerten. Und doch hören die Hörer es weiter. Genau dort, wo die Geräte schweigen.
Wendepunkt
Was die Hörer beschreiben, ist seltsam spezifisch. Der Ton hat keine erkennbare Quelle. Wer die Ohren zuhält, hört ihn lauter. Wer in ein Auto steigt, hört ihn lauter. Wer in den Keller geht, hört ihn lauter. Räume mit dicken Wänden verstärken ihn. Das ist physikalisch ungewöhnlich. Bei normalem Lärm dämpft Abschirmung den Ton — beim Taos-Hum geschieht laut Hörer-Berichten oft das Gegenteil. Eine Hörerin beschreibt es Mitte der 90er gegenüber Reportern sinngemäß so: „Es ist, als säße der Ton in meinem Kopf, nicht in der Luft." Andere berichten, der Ton verschwinde, wenn sie Taos verlassen — und kehre zurück, sobald sie nach Hause kommen. Wieder andere hören ihn überall auf der Welt, sobald sie einmal angefangen haben, ihn zu hören. Die Symptome verstärken sich bei manchen über die Monate. Tinnitus-ähnliche Beschwerden. Schlaflosigkeit. Druckgefühl in der Brust. Mindestens zwei dokumentierte Fälle aus den 90er-Jahren enden mit schwerer Depression. Und Taos ist nicht allein. Berichte kommen aus Bristol in England, aus Largs in Schottland, aus Auckland, aus Windsor in Ontario. Überall etwa 1 bis 4 Prozent der lokalen Bevölkerung. Überall dasselbe tiefe Brummen. Das Phänomen hat einen Namen bekommen: World Hum.
Drei Theorien
1. Theorie 1
Was dafür spricht
das Phänomen wird Anfang der 90er gehäuft gemeldet, parallel zum Ausbau bestimmter Sender-Netze
Dafür spricht auch: die berichtete Häufung in Gegenden mit hoher militärischer oder industrieller Aktivität
Sie fanden keine ungewöhnliche Quelle über den Hintergrundwerten
2. Theorie 2
Was dafür spricht
nur 1 bis 4 Prozent der Bevölkerung hören es
Dafür spricht: er ist lauter in Stille und Abschirmung, genau wie Tinnitus
Dafür spricht: Hörer beschreiben ihn als „im Kopf"
Was dagegen spricht
viele Hörer berichten, der Ton verschwinde, wenn sie eine bestimmte geografische Region verlassen
Klassischer Tinnitus ist nicht ortsabhängig
Dagegen spricht: mehrere Hörer haben ihre Hör-Schwellen testen lassen und liegen im Normalbereich
3. Theorie 3
Was dafür spricht
das Phänomen ist global
Dafür spricht: der Ton bleibt auch ohne lokale Quelle
Dafür spricht: er liegt im Frequenz-Bereich, der mit Mikroseismik gut zusammenpasst
Was dagegen spricht
bis heute ungeklärt, warum manche das Filter verlieren und andere nicht
Dagegen spricht: warum tritt das Phänomen erst ab den 90ern in solchen Mengen auf? Und dagegen spricht: die Hörer beschreiben den Ton oft als pulsierend, was zur Mikroseismik nicht recht passt
Drei Theorien
Moderne Spuren
Heute. Der kanadische Forscher Glen MacPherson betreibt seit 2012 die „World Hum Map and Database". Bis heute hat sein Projekt mehrere tausend Berichte aus über 80 Ländern dokumentiert. Die Karte zeigt Cluster: Skandinavien, Großbritannien, Nordamerika, Australien. Aber auch unerwartete Punkte in Süd-Afrika, Indien, Japan. In Windsor, Ontario, gelang einem Forscherteam 2014 etwas Bemerkenswertes: Sie konnten ein Tieffrequenz-Signal im Bereich um 35 Hertz tatsächlich messen — eine Theorie führt es auf eine Stahlproduktion auf der amerikanischen Seite des Detroit-River zurück. Das ist die Ausnahme. In den meisten anderen Fällen, auch in Taos, bleibt die Quelle ungefasst. Bristol, England — Berichte seit den 70er-Jahren, nie endgültig erklärt. Largs, Schottland — Berichte seit den 80er-Jahren, eine Theorie verweist auf U-Boot-Sonar, nie bewiesen. Auckland, Neuseeland — Untersuchungen laufen bis heute. In Taos selbst leben noch immer Menschen, die den Ton hören. Manche haben sich daran gewöhnt. Andere haben aufgegeben. Eine Hörerin sagte einem Reporter sinngemäß: „Ich habe akzeptiert, dass ich etwas höre, das es nicht geben sollte." Die Akte ist seltsam knapp. Über 30 Jahre Forschung, und sie endet immer am selben Punkt: ein Ton ohne Quelle.
Spuren
Wo Aris recherchiert hat — und wo du selbst weiterlesen kannst.
Mullins, Joe & Kelly, James P. (1995): 'Investigation of the Taos Hum', University of New Mexico, Sandia National Laboratories and Los Alamos National Laboratory, Final Report
Deming, David (2004): 'The Hum: An Anomalous Sound Heard Around the World', Journal of Scientific Exploration, Vol. 18, No. 4
Frosch, Robert A. (1993): Congressional hearing records on the Taos Hum investigation, U.S. House of Representatives
Cowan, Geoff (2003): 'World Hum Map and Database Project', Documentation
Smithsonian Magazine (2016): 'A Maddening Sound', Reportage zum Taos-Phänomen